Die EyeEm-Blackbox: Warum ich fünf Jahre nach meiner Kündigung noch immer Geld bekomme

Ich habe mein EyeEm-Konto 2021 gekündigt. Meine Bilder sollten aus dem Vertrieb verschwinden. Trotzdem bekomme ich bis heute Verkaufs- und Auszahlungsmails. Rückblickend wirkt EyeEm nicht nur wie eine gescheiterte Bildagentur, sondern wie ein System, das Fotografen mit hohen Auszahlungen angelockt, Bilder massenhaft verteilt und am Ende kaum noch kontrollierbar gemacht hat.

Ich dachte, EyeEm sei für mich erledigt.

Im Februar 2021 habe ich mein Anbieterkonto gekündigt. Schriftlich, eindeutig, mit klarer Aufforderung: Der Vertrieb meiner Bilder sollte eingestellt werden, insbesondere über Adobe Stock. Wenn das nicht einzeln möglich sei, sollten mein gesamtes EyeEm-Konto und meine Bilder aus allen Partnervertrieben entfernt werden.

EyeEm bestätigte mir damals per E-Mail, dass die Account-Löschung bearbeitet werde. Auch der sogenannte Pull der Partnerbilder sei bereits angefragt worden. Für die Entfernung bei Partnerplattformen wurde mir ein Zeitraum von zehn bis zwanzig Tagen genannt.

Das war Anfang 2021.

Heute, rund fünf Jahre später, bekomme ich immer noch Zahlungen und Benachrichtigungen von EyeEm.

Vor Kurzem tauchte wieder eine PayPal-Zahlung der Eyeem Mobile GmbH auf: 6,84 US-Dollar. Dazu eine EyeEm-Sicherheitsbenachrichtigung, wonach ein Payout für kürzlich verkaufte Fotos angefordert worden sei.

Und genau da beginnt das Problem. Ich kann mich weder bei EyeEm einloggen noch hab ich da ein Konto???

Nicht wegen 6,84 Dollar. Sondern wegen der Frage: Welche Fotos sollen da eigentlich noch verkauft worden sein?

EyeEm war für mich kein Nebenprojekt

Man muss EyeEm fair einordnen. Für mich war das früher kein völlig unwichtiger Kanal. EyeEm war eine Plattform, mit der ich als Stockfotograf zeitweise sehr gutes Geld verdient habe.

Ich habe alte Screenshots aus dem Jahr 2019. Darauf sieht man einzelne Auszahlungspositionen in Größenordnungen, die heute fast absurd wirken: 2.134,63 US-Dollar für 791 verkaufte Fotolizenzen, 1.776,83 US-Dollar für 674 Fotolizenzen, 1.825,22 US-Dollar für 665 Fotolizenzen.

In einer anderen EyeEm-Ansicht war ein Betrag von über 40.000 US-Dollar im Zusammenhang mit meinem PayPal-Auszahlungskonto zu sehen.

Bemerkenswert ist außerdem, dass es früher auch einzelne Verkaufsbenachrichtigungen über den EyeEm Market beziehungsweise über Partner wie Adobe gab, in denen Beträge wie 85,12 US-Dollar auftauchten. Ich erinnere mich auch an deutlich höhere Einzelwerte, teilweise in Größenordnungen, die mit dem späteren Cent-Niveau vieler Partnerabrechnungen kaum noch zusammenpassen.

Das waren keine rein symbolischen Microstock-Beträge. EyeEm war für mich ein realer Umsatzkanal.

Umso irritierender war es, dass ich die EyeEm-App im Jahr 2022 auf meinem Smartphone noch öffnen und nutzen konnte, obwohl mein Account laut Bestätigung von EyeEm bereits im Jahr 2021 gelöscht worden sein sollte. Ich hatte mich auf diesem Gerät nie ausgeloggt. In der App wurde mir damals weiterhin ein Bereich „Earnings“ angezeigt, inklusive eines als „Lifetime Earnings“ ausgewiesenen Betrags von über 60.000 US-Dollar – konkret 60.897,20 US-Dollar.

Screenshot aus der EyeEm-App aus dem Jahr 2022: Trotz bestätigter Account-Löschung wurde mir weiterhin ein „Lifetime Earnings“-Betrag von über 60.000 US-Dollar angezeigt.

Für mich wirkte das so, als sei die angekündigte Löschung zumindest technisch nicht konsequent umgesetzt worden.

Gerade bei einem Unternehmen, das einst als Berliner Startup mit professionellem Anspruch auftrat und mit Fotografen weltweit zusammenarbeitete, wirft das aus meiner Sicht erhebliche Fragen auf: Wie ernst wurden Löschanfragen tatsächlich genommen? Welche Daten blieben weiterhin im System sichtbar oder abrufbar? Und wie verlässlich waren die Abrechnungs- und Kontoinformationen, wenn ein angeblich gelöschter Account weiterhin in der App auftauchen konnte?

Und genau deshalb habe ich mich damals intensiv damit beschäftigt. Wenn eine Plattform solche Beträge generiert, dann nimmt man sie ernst. Man produziert mehr. Man lädt mehr hoch oder man läd einfach den ganzen alten misst hoch den man noch hat. Man optimiert sein Portfolio. Man erzählt anderen Fotografen davon. Und natürlich entsteht dann in der Szene ein Signal: Bei EyeEm kann man mit Stockfotos gutes Geld verdienen.

Heute frage ich mich, ob genau dieses Signal möglicherweise Teil des Problems war.

Die Subventionierung war kein bloßes Gerücht

Was ich lange nur aus der Praxis und aus der Szene wahrgenommen hatte, wurde später auch öffentlich diskutiert. Robert Kneschke veröffentlichte bereits 2019 einen sehr aufschlussreichen Beitrag mit dem Titel „Bildagentur EyeEm beendet Subventionierung von Bildverkäufen bei Getty Images“.

Kneschke beschrieb darin, dass EyeEm-Fotografen früher feste Mindestvergütungen für Verkäufe über Getty Images erhalten hätten. Nach seiner Rekonstruktion lagen diese Mindestvergütungen zunächst bei 5 US-Dollar, wurden über die Jahre schrittweise gesenkt und fielen ab Mai 2019 ganz weg. Danach tauchten plötzlich Abrechnungen im Centbereich auf, etwa 0,06 US-Dollar oder laut Berichten anderer Fotografen sogar 0,03 US-Dollar pro Verkauf.

Besonders wichtig:

Kneschke verwies auf eine Aussage aus der EyeEm-Market-Worldwide-Facebookgruppe, wonach EyeEm Partnerverkäufe unter einer bestimmten Schwelle subventioniert habe und diese Praxis ab 2019 beendet werde.

Damit ist der Punkt für mich zentral:

EyeEm war nicht einfach nur ein normaler Marktplatz, bei dem 1:1 das weitergereicht wurde, was der Markt hergab. Zumindest bei Getty-Partnerverkäufen wurde öffentlich diskutiert, dass es eine Art Mindestvergütung beziehungsweise Subventionierung gegeben hat. Kneschke schrieb sinngemäß, dass es in der Branche ein offenes Geheimnis gewesen sei, dass solche Mindestvergütungen nur durch Zuzahlungen aus eigener Tasche möglich gewesen sein dürften.

Aus meiner Sicht erklärt das einiges.

Wenn Fotografen hohe Payouts sehen, wenn Verkaufsbenachrichtigungen plötzlich 80, 120 oder 200 Dollar zeigen, dann entsteht ein starker Anreiz. Man lädt mehr hoch. Man baut größere Portfolios auf. Man nimmt EyeEm ernster als andere Kanäle. Und in der Szene verbreitet sich: Da geht etwas. Da kann man Geld verdienen.

Wenn diese hohen Beträge aber zumindest teilweise nicht aus echten Endkunden- oder Partnererlösen entstanden, sondern durch EyeEm aus Unternehmensmitteln aufgestockt wurden, dann war das nicht nur Vergütung. Dann war es auch Wachstumspolitik.

War EyeEm ein Marktplatz — oder ein subventioniertes Wachstumssystem?

Rückblickend stelle ich mir genau diese Frage.

War EyeEm wirklich ein nachhaltiger Stockfoto-Marktplatz?

Oder war EyeEm zeitweise ein System, das Fotografen durch künstlich attraktive Auszahlungen motivierte, möglichst viel Material einzustellen?

Ich formuliere das bewusst als Frage. Ich habe keinen vollständigen Einblick in die Buchhaltung von EyeEm. Ich kann nicht sagen, welche meiner eigenen Verkäufe in welcher Höhe subventioniert waren. Ich kann auch nicht sagen, welche internen Entscheidungen dazu von wem getroffen wurden.

Aber die öffentlich dokumentierte Subventionierungsdebatte passt auffällig gut zu meinen eigenen Erfahrungen.

Früher sah ich hohe Auszahlungen. Später kamen Centbeträge. Früher wirkte EyeEm wie ein Premiumkanal. Später zeigte sich, dass Partnervertriebe über Getty, Adobe oder Alamy teilweise kaum nachvollziehbare Kleinstbeträge erzeugten. Früher war EyeEm attraktiv für Fotografen. Später blieb eine Blackbox aus Partnerreports, Nachmeldungen, verspäteten Payouts und ungeklärten Löschprozessen.

Robert Kneschke schrieb 2020 außerdem über die Kürzung der Fotografenhonorare bei EyeEm. Dort ging es um neue Auszahlungsstufen, bei denen kleinere Anbieter nach seiner Darstellung statt früher 50 Prozent nur noch 25 Prozent erhalten sollten, während sehr umsatzstarke Anbieter mehr bekommen konnten. In dem Beitrag verweist Kneschke ausdrücklich auf die jahrelange Subventionierung der Bildverkäufe und stellt die Frage nach der finanziellen Nachhaltigkeit des Modells.

Aus meiner Sicht zeigt das:

Die hohen Vergütungen waren nicht nur ein nettes Detail der EyeEm-Geschichte. Sie waren ein Teil des Systems. Und genau dieses System hat dafür gesorgt, dass Fotografen mehr Bilder einstellten, größere Portfolios aufbauten und EyeEm für Partner, Investoren und spätere Käufer attraktiver wurde.

Mehr Bilder, mehr Masse, weniger Kontrolle

Das Problem war nicht nur die spätere Auszahlung. Das Problem begann schon früher.

Ich muss an dieser Stelle auch selbstkritisch werden.

In meinem Umfeld gab es informelle Zahlungen an Personen aus dem Review-Umfeld. Gemeint sind Personen, die als Reviewer oder in reviewerähnlichen Rollen Einfluss darauf hatten, ob Bilder angenommen wurden. Nach meiner Erinnerung wurden teilweise mehrere hundert bis rund tausend Euro pro Monat gezahlt, damit Bilder durch die Prüfung kamen, die nach strengem Qualitätsmaßstab vermutlich nicht für EyeEm geeignet gewesen wären.

Das ist kein angenehmer Punkt. Aber er gehört zur Geschichte.

Ich will hier nicht so tun, als hätten nur Plattformen Fehler gemacht. Auch auf Contributor-Seite wurden Grenzen verschoben. Wenn eine Plattform hohe Auszahlungen sichtbar macht, entsteht Druck, Masse zu liefern. Und wenn Masse belohnt wird, suchen manche nach Wegen, diese Masse schneller durch die Prüfung zu bekommen.

Nach meinen Informationen waren wir damit nicht allein. Auch andere Stockfotografen sollen solche Wege genutzt haben. Öffentlich sagen möchte das natürlich kaum jemand. Heute ist EyeEm insolvent gewesen, verkauft, abgewickelt beziehungsweise in andere Strukturen überführt — also schweigen viele lieber.

Aber für die Aufarbeitung ist dieser Punkt wichtig.

Denn wenn Bilder durch informelle Wege in ein Portfolio gelangen, die nach offiziellen Qualitäts- oder Eignungskriterien vielleicht gar nicht hätten angenommen werden dürfen, dann landen diese Bilder nicht einfach nur in einem internen EyeEm-Ordner. Sie können in Partnervertriebe gelangen. Zu Adobe. Zu Getty. Zu Alamy. Zu weiteren Plattformen. In Datenbanken, Kundendownloads, Suchmaschinen, Metadaten, Vorschaubilder und später möglicherweise auch in KI- oder Machine-Learning-Zusammenhänge.

Und wenn man Jahre später aussteigen will, stellt sich die Frage: Wie holt man solche Bilder aus diesem System wieder heraus?

Partnervertrieb klingt gut — bis man aussteigen will

Der Reiz von EyeEm war der Partnervertrieb.

Ein Upload, viele Märkte. EyeEm konnte Bilder nicht nur selbst anbieten, sondern über große Partner in weitere Vertriebskanäle bringen. Genau das machte die Plattform attraktiv.

Aber dieser Vorteil wird zum Risiko, sobald man den Vertrieb stoppen will.

Dann reicht es nicht, ein Bild bei EyeEm zu löschen.

Die eigentliche Frage lautet:

Wo wurde es überall hingeliefert? Welche Partner haben es übernommen? Welche Partner haben es indexiert? Welche Kunden haben es heruntergeladen? Welche Datenbanken enthalten Vorschauen, Metadaten oder Lizenzinformationen? Und wer bestätigt dem Fotografen die tatsächliche Entfernung?

Kneschke schrieb bereits im Januar 2020 über geänderte Vertragsbedingungen bei EyeEm. Besonders relevant war dabei die Entfernung von Inhalten: Nach seiner Darstellung konnten Inhalte, die über Partnerplattformen wie Getty Images, Alamy oder Adobe vertrieben wurden, nach einer Löschung bis zu 180 Tage online bleiben.

Das deckt sich mit dem Grundproblem meines eigenen Falls: Wenn eine Plattform Bilder an mehrere Partner verteilt, reicht ein Löschwunsch beim ursprünglichen Anbieter nicht aus. Der Fotograf braucht konkrete Nachweise: Wann wurde welcher Partner informiert? Wann wurde welches Bild entfernt? Welche Verkäufe fanden vorher statt? Welche danach? Welche wurden nur verspätet gemeldet?

In meinem Fall wurde der Partner-Pull Anfang 2021 zugesagt. Trotzdem fand ich danach weiterhin Hinweise auf meine Bilder.

In den Monaten und Jahren danach fand ich eine über Adobe Stock gekaufte Datei mit dem Autoreneintrag „© classen rafael/EyeEm“. Es ließen sich in den Metadaten einer Website-Datei Copyright-Hinweise auslesen: „©classen rafael/EyeEm – stock.adobe.com“ entnehmen.

Natürlich bedeutet eine spätere Nutzung eines Stockfotos nicht automatisch, dass sie unrechtmäßig ist. Wenn ein Kunde ein Bild vor einer Löschung rechtmäßig lizenziert hat, darf er es je nach Lizenzbedingungen weiter nutzen. Die Betonung liegt aber hierbei auf «vor» der Löschung. Das das Gegenteil der Fall ist und auch noch immer ist wird noch in einem anderem Blog-Artikel Thema sein.

Aber genau deshalb muss eine Agentur transparent sagen können, wann das Bild verkauft wurde.

War es vor meiner Kündigung? Während der Löschfrist? Nach der zugesagten Entfernung? War es ein Altverkauf? Eine verspätete Partnerabrechnung? Eine neue Lizenzierung? Eine Nachmeldung aus einem alten Report?

Aus den Benachrichtigungen geht das nicht sauber hervor.

Das Dubletten-Problem war schon 2020 sichtbar

Ein weiteres Problem:

Viele Fotografen lieferten dieselben oder ähnliche Bilder an mehrere Plattformen. EyeEm lieferte wiederum an Getty. Gleichzeitig hatten manche Fotografen eigene iStock-Accounts. Dadurch konnten Bilder bei Getty zu unterschiedlichen Konditionen auftauchen — einmal über EyeEm, einmal über iStock.

Kneschke schrieb 2020 darüber, dass Getty Images EyeEm-Portfolios von Fotografen mit iStock-Accounts entfernte. Nach der von ihm zitierten EyeEm-Mail habe Getty viele Dubletten zu unterschiedlichen Preisniveaus im Portfolio festgestellt, betroffen seien bestimmte High-Volume-Accounts gewesen.

Für mich ist dieser Punkt wichtig, weil er zeigt, wie komplex und widersprüchlich die Rechte- und Vertriebsketten schon vor der Insolvenz waren. Wenn ein Bild parallel über EyeEm/Getty, iStock, Adobe oder andere Kanäle läuft, kann der Fotograf schnell die Kontrolle verlieren. Unterschiedliche Preise, unterschiedliche Partner, unterschiedliche Löschwege, unterschiedliche Abrechnungslogiken.

Und dann soll man Jahre später noch nachvollziehen, welcher Verkauf woher kam?

Meine Kündigung war eindeutig

Am 03.02.2021 schrieb ich EyeEm an. Ich verlangte, den Vertrieb meiner Werke über Adobe Stock einzustellen und meine dort gelisteten Bilder zu entfernen. Sollte das nicht isoliert möglich sein, forderte ich die Löschung meines gesamten EyeEm-Anbieterkontos einschließlich der Partnervertriebe.

Am 04.02.2021 erhielt ich eine Antwort. EyeEm bestätigte, dass die Account-Löschung bearbeitet werde. Außerdem sei der Pull meiner Partnerbilder bereits angefragt worden. Die Entfernung bei Partnerplattformen sollte nach dieser Antwort üblicherweise zehn bis zwanzig Tage dauern.

Für mich war die Sache klar: Der Vertrieb sollte beendet werden.

Doch danach fand ich weiterhin Hinweise auf meine Bilder. Und später kamen weiterhin Verkaufs- und Auszahlungsmails.

Am 28.02.2022 erhielt ich eine PayPal-Zahlung der Eyeem Mobile GmbH über 102,20 US-Dollar. Verwendungszweck: EyeEm Market Payout.

Im Oktober 2023 erhielt ich nach der Freepik-Übernahme erneut EyeEm-Mails.

Eine Verkaufsbenachrichtigung lautete sinngemäß: „You’ve Sold A Photo on Adobe via EyeEm Market“. Betrag: 0,10 US-Dollar.

Im Dezember 2023 folgte eine weitere Meldung über Alamy via EyeEm Market. Betrag: 0,02 US-Dollar.

Später kamen wieder PayPal-Zahlungen und Sicherheitsbenachrichtigungen.

Die Beträge wurden kleiner. Die Fragen wurden größer.

Denn wenn ich 2019 hohe EyeEm-Auszahlungen sehe, später aber nur noch Centbeträge über Partner wie Adobe oder Alamy gemeldet bekomme, dann stellt sich für mich die Frage, wie die früheren hohen Werte zustande kamen. Waren das reale Einzelverkäufe? Waren es Pauschaldeals? Waren es Sondermodelle? Oder waren Auszahlungen damals teilweise ein subventioniertes Wachstumssignal?

Ich sage nicht, dass ich die interne Buchhaltung kenne.

Ich sage: Die Plattform schuldet den Fotografen eine nachvollziehbare Erklärung.

EyeEm zahlte irgendwann nicht mehr zuverlässig

Die späteren Probleme kamen nicht aus dem Nichts.

Schon 2022 berichteten Branchenmedien über ausbleibende Zahlungen. PetaPixel schrieb im August 2022 über Fotografen, die auf Royalties warteten, Talenthouse, der damalige Eigentümer von EyeEm, verwies damals auf neue Buchhaltungsprozesse und „global events“.

Auch Robert Kneschke schrieb im März 2023 unter dem Titel „Warnung: Bildagentur EyeEm zahlt seit Monaten keine Fotografenhonorare mehr aus“ über ausstehende Honorare, Presseanfragen an Talenthouse und Fotografen, die neue Verkäufe über Partneragenturen entdeckt hätten, die offenbar noch nicht von EyeEm gemeldet worden seien.

Für mich ist das der nächste Teil der Blackbox:

Selbst wenn Verkäufe stattfanden, ist damit noch lange nicht klar, ob sie korrekt, zeitnah und vollständig beim Fotografen ankamen.

Wenn eine Agentur Partnerreports nicht sauber verarbeitet, wenn Zahlungen monatelang ausbleiben und wenn Fotografen selbst Verkäufe finden, die ihnen nicht gemeldet wurden, dann ist das Vertrauen weg.

Dann kam die Insolvenz

Im April 2023 meldete EyeEm offiziell Insolvenz an. Kneschke berichtete darüber am 04.04.2023 und nannte das Aktenzeichen 36e IN 1953/23 beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg. In demselben Beitrag schrieb er, EyeEm habe seit Ende des Vorjahres keine Honorare mehr an Fotografen ausgezahlt und es habe keine Verkaufsmeldungen über Partnerverkäufe mehr gegeben, obwohl solche Verkäufe weiter stattgefunden hätten.

PetaPixel berichtete ebenfalls über die Insolvenz und ordnete EyeEm als deutsches Technologie- und Stockfotounternehmen ein, das nach Jahren von Zahlungsproblemen und Schwierigkeiten schließlich Insolvenz angemeldet hatte.

Kurz darauf berichtete Kneschke über eine Stellungnahme des Insolvenzverwalters. Darin ging es unter anderem darum, dass der Geschäftsbetrieb stabilisiert werden sollte, wieder Zugriff auf IT-Systeme bestand und komplexe rechtliche Details zu klären seien.

Für Fotografen bedeutete das:

Die Plattform, auf der ihre Bilder lagen, war nicht nur unübersichtlich. Sie war insolvent. Und trotzdem liefen irgendwo noch Partnervertriebe, Abrechnungen, Löschprozesse, offene Honorare und Rechteketten.

Getty kündigte — aber die Fragen blieben

Besonders spannend war die Rolle von Getty Images.

Kneschke berichtete im April 2023, Getty Images habe auf seine Presseanfrage bestätigt, den Lizenzvertrag mit EyeEm gekündigt zu haben. Getty sei dabei, die EyeEm-Kreativkollektionen aus dem Vertrieb zu entfernen, Kommissionen für lizenzierte Bilder würden gemäß vertraglicher Pflichten weiterhin an EyeEm ausgezahlt.

Dieser Punkt ist für meinen Fall extrem relevant.

Denn wenn Getty weiterhin an EyeEm zahlte, während EyeEm insolvent war oder organisatorisch nicht mehr sauber funktionierte, stellt sich die Frage: Kamen diese Gelder vollständig bei den Fotografen an? Wurden sie korrekt zugeordnet? Wurden sie überhaupt noch zeitnah verarbeitet?

Und wenn ein Fotograf bereits 2021 seine Löschung verlangt hatte:

Warum kann er Jahre später nicht eindeutig nachvollziehen, ob spätere Zahlungen auf Altverkäufe, Nachmeldungen, Partnerabrechnungen oder neue Nutzungen zurückgehen?

Freepik übernahm EyeEm — und versprach einen Neustart

Im September 2023 berichtete Kneschke, dass Freepik als potenzieller Investor für EyeEm im Insolvenzverfahren auftauchte.

Im Oktober 2023 schrieb Kneschke dann, Freepik übernehme die insolvente Bildagentur EyeEm. Nach seiner Darstellung sollte Freepik zwei Millionen Euro in die Insolvenzmasse einbringen, laut Insolvenzverwalter sollten damit die Forderungen der hochladenden Fotografen zu 100 Prozent befriedigt werden können.

Auch TechCrunch berichtete über die Übernahme. Dort wurde EyeEm als Berliner Fotomarktplatz beschrieben, der einst als europäischer Instagram-Herausforderer galt und nun von Freepik aus der Insolvenz übernommen wurde. TechCrunch nannte eine Bibliothek von rund 160 Millionen Bildern und eine Community von etwa 150.000 Fotografen.

Tech.eu schrieb ebenfalls über die Übernahme und berichtete, Freepik erhalte Zugriff auf mehr als 160 Millionen Fotos, außerdem sollten offene Schulden gegenüber etwa 140.000 Contributors beglichen werden.

Das klingt zunächst positiv. Endlich ein neuer Eigentümer. Endlich Auszahlungen. Endlich Ordnung.

Aber aus meiner Sicht beantwortet die Übernahme nicht die entscheidenden Fragen.

Denn ich hatte bereits 2021 gekündigt. Wenn 2023 alte Verkaufsberichte aufgearbeitet wurden, muss trotzdem erkennbar sein, ob die zugrunde liegenden Verkäufe vor oder nach meiner Kündigung lagen. Genau diese Transparenz fehlt mir.

Die KI-Frage macht alles noch heikler

Als wäre der klassische Stockvertrieb nicht schon kompliziert genug, kam später das Thema Machine Learning beziehungsweise KI-Training hinzu.

TechCrunch berichtete im April 2024, EyeEm wolle Nutzerfotos für das Training von KI-Modellen lizenzieren, sofern Nutzer ihre Inhalte nicht entfernen.

Auch Heise berichtete darüber unter dem Titel „EyeEm: Delete photos, otherwise AI training is imminent“. Nach Heise sahen die Bedingungen keinen speziellen Opt-out für KI-Training vor, die naheliegende Alternative sei die Löschung gewesen, wobei auch Löschungen über Partner und bestimmte Nutzungsformen bis zu 180 Tage dauern konnten.

EyeEm selbst veröffentlichte 2024 FAQ-Seiten zur Machine-Learning-Lizenzierung. Dort heißt es, EyeEm lizenziere Bilder für Machine-Learning-Anwendungen, damit Computermodelle Objekte, Tiere, Personen und Szenen erkennen lernen.

Besonders problematisch ist für mich eine andere EyeEm-FAQ. Auf die Frage, welche Bilder genau lizenziert würden, erklärte EyeEm, man könne wegen der großen Menge an Bildern und der Trennung von Nutzerdaten nicht mitteilen, welches einzelne Bild individuell lizenziert worden sei. Stand Mai 2024 seien nur kommerzielle Market-Bilder lizenziert worden.

EyeEm schrieb außerdem, Market-Nutzer würden für Machine-Learning-Nutzungen vergütet, und zwar nach demselben 50/50-Modell wie bei normalen Bildlizenzen.

Für mich ist das der heikelste Teil der ganzen Geschichte.

Wenn mein Konto und meine Bilder nach meiner Kündigung 2021 eigentlich hätten gelöscht beziehungsweise aus den Partnervertrieben entfernt werden müssen, dann möchte ich wissen: Waren meine Werke 2024 überhaupt noch in einem Bestand, der für Machine Learning oder KI-Zwecke lizenziert werden konnte?

Ich behaupte nicht, dass meine Bilder tatsächlich für KI-Training verwendet wurden. Das kann ich derzeit nicht beweisen.

Aber ich kann auch nicht nachvollziehen, dass sie es nicht wurden.

Und das ist für Urheber ein unhaltbarer Zustand.

Wenn eine Plattform selbst erklärt, einzelne lizenzierte Bilder im Machine-Learning-Kontext nicht benennen zu können, dann ist das keine Transparenz. Dann ist das eine Blackbox.

EyeEm ist inzwischen geschlossen — aber die Fragen verschwinden nicht

Freepik erklärt in seiner aktuellen EyeEm-Closure-FAQ, dass EyeEm dauerhaft geschlossen sei. Dort heißt es auch, Verkaufs-E-Mails nach der Schließung bezögen sich auf Verkäufe, die vor der EyeEm-Schließung im Januar 2026 stattgefunden hätten. Außerdem betont Freepik, technische Weiterleitungen von EyeEm zu Freepik bedeuteten nicht automatisch, dass Inhalte aktuell auf Freepik gelistet seien.

PetaPixel berichtete ebenfalls über die Schließung von EyeEm und schrieb, Inhalte sollten nach dem Ende nicht mehr über EyeEm zugänglich, herunterladbar oder lizenzierbar sein, noch offene Einnahmen sollten nach den Bedingungen ausgezahlt werden.

Das mag aktuelle Verkaufs- oder Zahlungshinweise teilweise erklären. Vielleicht handelt es sich um Altverkäufe. Vielleicht um Nachmeldungen. Vielleicht um Abschlusszahlungen. Vielleicht um alte Reports, die erst spät verarbeitet wurden.

Aber für mich reicht eine solche pauschale Erklärung nicht aus.

Denn meine Kündigung liegt nicht kurz vor der Schließung. Sie liegt im Februar 2021.

Wenn mir Jahre danach noch EyeEm-Zahlungen oder Verkaufsbenachrichtigungen angezeigt werden, dann möchte ich nicht nur hören: „Das sind alte Verkäufe.“ Ich möchte wissen: Welche alten Verkäufe? Von welchem Bild? Über welchen Partner? Zu welchem Datum? Zu welchem Bruttoerlös? Mit welchem Fotografenanteil?

Die eigentliche Frage: Wer kontrolliert die Kontrolle?

Für mich ist EyeEm heute ein Beispiel dafür, wie gefährlich der moderne Stockfoto-Vertrieb für Urheber werden kann.

Eine Plattform sammelt Millionen Bilder ein. Sie verteilt diese Bilder an Partner. Sie zahlt zunächst hohe Vergütungen, die zumindest in Teilen offenbar subventioniert waren. Dadurch entsteht ein Anreiz, große Portfolios aufzubauen. Teilweise werden Bilder durch interne oder informelle Wege in Systeme gebracht, in die sie nach offiziellen Qualitätsmaßstäben vielleicht gar nicht gehört hätten. Dann laufen diese Bilder über Getty, Adobe, Alamy und andere Kanäle. Später kommt es zu Kürzungen, Zahlungsproblemen, Insolvenz, Übernahme, KI-Lizenzierung und Schließung.

Und am Ende bekommt der Fotograf eine PayPal-Zahlung über 6,84 Dollar.

Ohne zu wissen, wofür genau.

Das ist der eigentliche Skandal.

Nicht der Betrag.

Nicht die einzelne Mail.

Nicht einmal der einzelne Partnerverkauf.

Der Skandal ist, dass ein Urheber Jahre nach seiner Kündigung nicht mehr nachvollziehen kann, wo seine Bilder waren, wann sie verkauft wurden, ob er korrekt vergütet wurde und ob seine Werke später noch in neuen Verwertungsformen wie Machine Learning aufgetaucht sind.

Was EyeEm, Freepik oder die Verantwortlichen beantworten müssten

Ich möchte keine pauschalen Behauptungen. Ich möchte Antworten.

Welche meiner Bilder waren nach dem 03.02.2021 noch bei EyeEm oder in Partnervertrieben aktiv?

Wann wurden Adobe Stock, Getty Images, iStock, Alamy und weitere Partner konkret angewiesen, meine Werke zu entfernen?

Welche Partner haben die Entfernung wann bestätigt?

Auf welche Bild-IDs beziehen sich die späteren Verkaufsbenachrichtigungen?

Wann fanden diese Verkäufe tatsächlich statt?

Welche Beträge zahlten die Partner tatsächlich an EyeEm?

Welche Beträge wurden mir angezeigt?

Welche Beträge wurden an mich ausgezahlt?

Gab es bei EyeEm zeitweise eine Subventionierung von Fotografenauszahlungen aus Unternehmensmitteln, über die dokumentierten Getty-Partnerverkäufe hinaus?

Falls ja: In welchem Zeitraum, auf welcher Grundlage und mit welchem Ziel?

Wurden meine Werke jemals für Machine Learning, KI-Training, Datensätze oder Modellverbesserung lizenziert?

Falls nein: Wie lässt sich das technisch und buchhalterisch nachweisen?

Das sind keine Luxusfragen. Das sind Mindestanforderungen an eine professionelle Bildagentur.

Was ich heute anders sehe

Ich habe mit EyeEm Geld verdient. Das gehört zur Wahrheit.

Ich habe von dem System profitiert. Auch das gehört zur Wahrheit.

Und ich habe selbst erlebt, dass in der Stockfoto-Szene nicht immer alles sauber lief. Wenn Reviewer oder Personen aus dem Prüfungsumfeld informell bezahlt wurden, damit mehr Bilder angenommen werden, dann ist das nicht nur ein Problem der Plattform. Dann ist es auch ein Problem der Fotografen, die solche Wege genutzt haben.

Aber genau deshalb muss man diese Geschichte erzählen.

Denn sie zeigt, was passiert, wenn Masse wichtiger wird als Kontrolle, wenn hohe Auszahlungen wichtiger werden als Transparenz, wenn Partnervertrieb wichtiger wird als saubere Rückholbarkeit, und wenn eine Plattform irgendwann größer wird als ihre eigene Buchhaltung.

EyeEm war einmal ein Versprechen.

Für mich wurde daraus eine Blackbox.

Fazit: Solange EyeEm noch Geld schickt, ist die Geschichte nicht vorbei

Ich habe mein EyeEm-Konto 2021 gekündigt.

Ich habe die Einstellung des Vertriebs verlangt.

Ich habe die Entfernung aus Partnerplattformen verlangt.

Trotzdem finde ich Jahre später Hinweise auf meine Werke in alten Vertriebsketten, bekomme Verkaufsbenachrichtigungen über Partner und erhalte weiterhin PayPal-Zahlungen von EyeEm.

Vielleicht sind es Altverkäufe.

Vielleicht sind es verspätete Abrechnungen.

Vielleicht sind es Nachmeldungen aus alten Reports.

Vielleicht ist alles formal erklärbar.

Aber solange mir niemand konkret sagen kann, welches Bild wann über welchen Partner verkauft wurde, bleibt das System intransparent.

Und solange ein Fotograf fünf Jahre nach seiner Kündigung noch Geld von EyeEm bekommt, ohne nachvollziehen zu können, wofür genau, ist die wichtigste Frage nicht beantwortet:

Wer kontrolliert eigentlich noch, wo unsere Bilder sind?

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